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Den ganzen Menschen sehen - warum es diese Ausbildung braucht

3. Juli
3 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 8. Juli


Warum tut etwas weh, das längst verheilt ist?

Fast jeder kennt einen Menschen, dessen Rücken auf dem MRT unauffällig ist – und der trotzdem seit Jahren Schmerzen hat. Oder den umgekehrten Fall: deutliche Abnutzung im Bild, aber kein Schmerz. Eine große Übersichtsarbeit im American Journal of Neuroradiology (Brinjikji et al., 2015) zeigte, wie häufig das ist: Schon bei rund der Hälfte der schmerzfreien 30-Jährigen ließen sich im MRT Bandscheibenveränderungen nachweisen – bei Menschen, die völlig beschwerdefrei lebten.

Wer mit Menschen arbeitet, begegnet diesem Widerspruch ständig. Er lässt sich nicht auflösen, solange wir Schmerz als reine Meldung aus dem Gewebe verstehen.

Die Neurowissenschaft zeichnet ein anderes Bild. Schmerz entsteht nicht im Knie, im Rücken oder in der Schulter. Er entsteht im Gehirn.


Schmerz ist ein Output, keine Messung

Gewebe sendet keine Schmerzsignale. Es sendet Information – über Druck, Temperatur, Dehnung, mögliche Gefährdung. Diese Information läuft ins zentrale Nervensystem, wird dort bewertet, mit Erfahrung, Kontext und Erwartung abgeglichen – und erst am Ende entscheidet das Gehirn, ob es Schmerz erzeugt.

Das ist der Kern dessen, was wir Schmerz als Output nennen: Schmerz ist kein Messwert, der nach oben gereicht wird, sondern eine Antwort, die das Nervensystem nach unten gibt. Eine Handlung, keine Ablesung.

Das erklärt, warum dieselbe Gewebeinformation ganz unterschiedliche Formen des Outputs auslösen kann – je nachdem, wie das Nervensystem die Lage bewertet.

In der täglichen Praxis heißt das: genau differenzieren, hinsehen, Informationen sammeln. So lassen sich im Lauf der Zusammenarbeit immer präzisere Rückschlüsse darauf ziehen, wie das Nervensystem eines Menschen reagiert – und wo die eigentliche Ursache liegt. Manchmal ist das eine Frage weniger Minuten, manchmal braucht es mehr Zeit, etwa wenn sich mehrere Themen überlagern. Doch genau darin liegt der Kern der Neuroathletik: testen, eine gezielte Übung geben, erneut testen – und aus der Reaktion ablesen, was sie bedeutet.


Das Bedrohungsmodell

Die entscheidende Frage, die das Nervensystem laufend beantwortet, ist nicht „Ist Gewebe beschädigt?", sondern „Ist diese Situation sicher genug?".

Wir nennen diesen Bewertungsprozess das Bedrohungsmodell. Das Gehirn wägt fortlaufend ab, ob ein Bereich, eine Bewegung oder eine Belastung als sicher oder als bedrohlich eingestuft wird. Schmerz ist eine der stärksten Maßnahmen, mit denen es auf eine als bedrohlich bewertete Lage reagiert – ein Schutzimpuls, der Verhalten ändern soll.

Diese Bewertung speist sich aus vielen Quellen: aus dem Gewebe selbst, aber ebenso aus früheren Erfahrungen, aus Stress, aus Erwartung, aus dem, was jemand über seinen Körper glaubt. Deshalb kann Schmerz bestehen bleiben, lange nachdem das Gewebe verheilt ist – wenn das Nervensystem die Lage weiterhin als unsicher bewertet.


Was das für die Praxis verändert

Dieser Perspektivwechsel ist kein akademisches Detail. Er verändert, wie man arbeitet.

Wer Schmerz nur im Gewebe sucht, behandelt Strukturen. Wer Schmerz als Output des Nervensystems versteht, arbeitet an der Bewertung – daran, einem System wieder Sicherheit zu geben. Bewegung, Wahrnehmung, Aufmerksamkeit, Kontext werden zu Werkzeugen. Nicht als Ersatz für sorgfältige Befundung, sondern als Erweiterung dessen, was möglich ist.

Für uns Therapeuten und Trainer öffnet das Wege gerade bei den Fällen, die mit rein strukturellem Blick nicht aufgehen – die chronischen Verläufe, die „unerklärlichen" Schmerzen, die Menschen, bei denen das Bild nicht zum Erleben passt.


Den ganzen Menschen sehen

Schmerz zu verstehen heißt nicht, das Gewebe zu ignorieren. Es heißt, den Blick zu weiten: vom Ort des Schmerzes zum System, das ihn erzeugt.

Genau dort beginnt neurozentrierte Arbeit – und genau das ist einer der Gründe, warum PerformNeuro existiert. Ich möchte, dass möglichst viele Menschen, die mit Menschen arbeiten – ob Trainer, Physiotherapeut, Arzt, Lehrer oder Osteopath – den Blick dafür bekommen, was es heißt, an der echten Wurzel zu arbeiten. Denn die Fähigkeit, in wenigen Minuten gezielten Prüfens auf Defizite im Nervensystem zu schließen und damit Behandlungswege spürbar abzukürzen, sollte überall zur Verfügung stehen.


Genau das sind die Ausgangspunkte, mit denen wir uns in der Akademie im Modul Fundamentals beschäftigen: zu verstehen, wie das Nervensystem bewertet – und wie sich diese Bewertung beeinflussen lässt.


Warum das Nervensystem überhaupt entscheidet, ob es Schmerz erzeugt, vertieft der Artikel Das Bedrohungsmodell: Wie dein Nervensystem wirklich über Schmerz entscheidet.


Quelle: Brinjikji W et al. Systematic Literature Review of Imaging Features of Spinal Degeneration in Asymptomatic Populations. AJNR Am J Neuroradiol. 2015;36(4):811–816.

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